Sensationeller Fund - Korrekturfahnen von Orlando di Lassos 'Magnum Opus Musicum' (1604) im Bayerischen Hauptstaatsarchiv

Gottfried Heinz-Kronberger und Bernhold Schmid

Monday, March 15, 2021

Den folgenden Beitrag erhielten wir von Gottfried Heinz-Kronberger (RISM Deutschland):

Im Rahmen der Sichtung von Fragmenten im Bayerischen Hauptstaatsarchiv wurde eine aufregende Entdeckung gemacht. Es ist nicht die erste Blüte, die aus diesem Fundus der Fragmentensammlung herausragt. 2018 wurden schon Teile einer Sonate für zwei Violinen und Basso Continuo von Johann Caspar Teubner aus dem Jahr 1695 gefunden (BayHStA, Fragmentensammlung Vorl. Nr. 176). Im Zuge von Erschließungsarbeiten wurden auch die vorliegenden Fragmente eines Musiknotendruckes von Dr. Sarah Hadry 2017 erfasst und der Fragmentensammlung zugeordnet. Um diese Musikalien genauer zu untersuchen wurde die deutsche Arbeitsstelle des Répertoire International des Sources Musicales (RISM) in der Bayerischen Staatsbibliothek kontaktiert.

Ursprünglich waren die Blätter (Fragmentensammlung vorl. Nr. 42) in der Archivalie BayHStA, Oberster Lehenhof 14 als Einbandmakulatur verwendet worden. Diese nach Herauslösung in unterschiedlichen Formaten vorliegenden, zugeschnittenen Blätterkonnten jetzt als Teile eines Musiknotendrucks identifiziert werden , der handschriftliche Eintragungen enthält. Dabei handelt es sich um Orlando di Lassos Magnum Opus Musicum, einer Art „Gesamtausgabe“ der Motetten des Münchner Hofkapellmeisters, die von den Söhnen Lassos Ferdinand (ca. 1560-1609) und Rudolph (ca. 1563-1625) im Jahr 1604 bei Nikolaus Heinrich in München herausgegeben wurde; der Druck spielt in der Lasso-Forschung insofern eine große Rolle, als er den Motettenbänden der heute sogenannten Alten Lasso-Gesamtausgabe (1894-1927) zugrundelag.

Eine erste Sichtung der aufgefundenen 37 Blätter ergab, dass es sich um Korrekturabzüge des Magnum Opus Musicum (RISM ID no. 990036804) mit handschriftlich eingetragenen Korrekturen handelt. Ein spektakulärer Fund, weil unseres Wissens Korrekturfahnen aus Notendrucken des 16. und frühen 17. Jahrhunderts bisher nicht bekannt waren.

Beschäftigt man sich mit frühen Musikdrucken, dann fällt immer wieder deren zum großen Teil hohe Qualität auf. Selbstverständlich gibt es Fehler, nicht alle Offizinen waren auf demselben Niveau, auch erstklassige Werkstätten leisteten sich mitunter Ausreißer; insgesamt aber ist festzuhalten, dass die Drucker ihr Handwerk beherrschten. Schon deshalb war also anzunehmen, dass Korrekturen gelesen wurden. Hinweise darauf finden sich schließlich immer wieder auf Titelblättern oder in Vorreden von Musikdrucken: So lesen wir auf dem Titelblatt der 1567 bei Adam Berg in München erschienenen ersten Sammlung Newe Teütsche Liedlein mit Fünff Stimmen: “Von Orlando di Lassus […] componiert vnd von jm selbst corrigirt.”

Dass auch noch korrigiert wurde, wenn ein Teil einer Auflage schon abverkauft war, lässt sich anhand des Vergleichs mehrerer Exemplare ein und desselben Druckwerks nachweisen. Eines der drei Exemplare des Magnum Opus in der Proskeschen Musikabteilung der Bischöflichen Zentralbibliothek Regensburg (Signatur C 117b) enthält eine Stimme der Motette “Lauda Hierusalem Dominum” in zwei Stimmbüchern, eine weitere Stimme dieses Stücks hingegen fehlt; das hat schon der Besitzer des Drucks Carl Proske (1794-1861) bemerkt und auf einem Zettel dokumentiert (vgl. Musikalische Schätze in Regensburger Bibliotheken, hrsg. v. Katelijne Schiltz, Regensburg 2019, S. 164-166). Die beiden vollständigen Exemplare 2 Mus.pr. 68 und 2 Mus.pr. 68a der Bayerischen Staatsbibliothek München sind hingegen korrekt; im zweiten Regensburger Exemplar C 117a wurde der Fehler ebenfalls beseitigt, nicht hingegen im ebenfalls der Proskebibliothek gehörenden C 117c.

Dass ein Korrekturgang anhand von Fahnen nun sichtbar wird, muss als Sensation bezeichnet werden. Betrachten wir eine Seite aus den Korrekturfahnen näher:

Image 1: Bayerisches Hauptstaatsarchiv München (BayHSta), Fragmentensammlung Vorl. Nr. 42, tenor of Nr. CCCLXIII [363]. “Salve regina” und des Tenors eines weiteren “Salve regina.”

Abbildung 1 zeigt eine Vielfalt an Fehlern: So war in der obersten Zeile die “S”-Initiale zu ergänzen, was im korrigierten Exemplar (Abbildung 2) ausgeführt wurde. Nicht umgesetzt hingegen wurde der Wunsch des Korrekturlesers, ebenfalls in der ersten Zeile die Zuordnung der Silben „(mi)-sericor-(diæ)“ zu den Noten zu präzisieren. Das falsche „(no)-strr“ der zweiten Zeile wurde zu „(no)-stra“ verbessert. Der Korrektor merkte die gefundenen Fehler in ähnlicher Weise an, wie es auch heute noch geschieht: Der Fehler wird gestrichen und am Seitenrand korrigiert.

Image 2: Bayerische Staatsbibliothek München (D-Mbs), 2 Mus.pr. 68. Tenor-Stimmbuch mit ausgeführten Korrekturen.

Zudem gibt es einige Notenkorrekturen: In der dritten Zeile steht ein b-Vorzeichen auf der Höhe des h, es gehört jedoch vor das folgende e; der Korrektor hat am linken Rand die beiden unteren Notenlinien verlängert und das Vorzeichen richtig gesetzt. In der vorletzten Zeile des ersten “Salve regina” fehlt die Silbe „(fruct)-um“, beim zweiten “Salve regina” steht anstelle der Initiale “S” offensichtlich ein Platzhalter, der durch S zu ersetzen war. In derselben Zeile war ursprünglich „(re)-di-(na)“ statt „(re)-gi-(na)“ gesetzt; der Drucker hat also die Buchstaben d und g verwechselt. Und am Ende dieser Zeile fehlt gar einen Note; der Fahnenleser hat die Auslassung durch ein Häkchen gekennzeichnet, wiederum die Notenlinien verlängert und die zu ergänzende Note eingetragen, zudem hat er die dazu gehörende Silbe „-gi-„ (zu „regina“) eingefügt. Alle diese Korrekturen wurden präzise umgesetzt.

Wer die Korrekturfahnen gelesen hat, kann derzeit nicht geklärt werden. Es könnte sich um einen Mitarbeiter der Offizin Nicolaus Heinrichs handeln ebenso wie um einen der Söhne Lassos. Vielleicht waren mehrere Korrekturleser am Werk, was bei dem ungewöhnlich umfangreichen, 516 Motetten zu 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 und 12 Stimmen enthaltenden, aus sechs Bänden bestehenden Druckwerk (es umfasst in der Alten Lasso-Gesamtausgabe etwa 2000 Notenseiten) eigentlich zu erwarten wäre. Unabhängig davon: Die Korrekturfahnen bieten einen spannenden Einblick in die Werkstatt eines Notendruckers zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Ein Vergleich der Fahnen mit einigen leicht zugänglichen Exemplaren des Magnum opus dürfte weitere Erkenntnisse bringen.

(Veröffentlicht in Nachrichten aus den Staatlichen Archiven Bayerns [ISSN 0721-9733], S. 17-19.)

Gottfried Heinz-Kronberger und Bernhold Schmid

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