Die Bibliothek der Landgräfin Caroline Henriette von Hessen-Darmstadt (1721–1774)

Beate Sorg

Thursday, March 11, 2021

Ein Gastbeitrag von Beate Sorg:

Goethe, der sie nie persönlich kennengelernt hatte, nannte sie die “Große Landgräfin”. Friedrich der Große, König von Preußen, zu dessen Entourage sie einige Jahre lang gehört hatte, stiftete eine marmorne Urne für ihr Grabmal im Darmstädter Herrengarten mit der Inschrift “Femina sexu, ingenio vir”, was zwar nicht für heutige FeministInnen, sicher aber für die damalige Welt höchstes Lob bedeutete. Doch trugen diese Apostrophierungen zu einer Legendenbildung bei, die vielfach in einem etwas schiefen Bild resultierte. So trifft es nämlich keineswegs zu, dass diese Landesherrin einen Großteil der Regierungsgeschäfte für ihren Ehemann, den “Soldatenlandgrafen”, der in Pirmasens residierte und nur selten nach Darmstadt kam, übernommen habe. Auch war sie nicht der Mittelpunkt des sogenannten Empfindsamen Kreises, der bereits in Auflösung begriffen war, als Caroline 1765 in die Residenzstadt übersiedelte, wo ihr bis zu ihrem Tod nur neun Jahre verblieben.

Tatsächlich war die geborene Gräfin von Pfalz-Zweibrücken eine kluge, gebildete Frau, aufgeklärt und empfindsam im Sinn des Zeitgeistes, aber auch im Sinn einer persönlichen Charakterbeschreibung. Am 9. März 1721 in Straßburg geboren, wuchs die älteste Tochter des Grafen Christian III. von Pfalz-Zweibrücken im Elsass und in der Südpfalz auf. Auch als sie 1741 den Erbprinzen Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt ehelichte, wohnte sie am liebsten in dessen elsässischer Residenz Buchsweiler und besuchte ihren Gemahl nur auf Anforderung. Anders als der preußisch korrekt bis kleinlich, religiös bis abergläubisch, vor allem aber soldatisch ausgerichtete Landesherr interessierte Caroline sich für Musik und Jagd, besonders aber für Wissenschaft und Kultur. Liebevoll und sorgfältig erzog sie ihre acht Kinder; die vorteilhafte Verheiratung der Töchter war das wichtigste Anliegen in ihren letzten Jahren.

An nahezu jedem Tag ihres Lebens verbrachte sie viele Stunden mit Lesen. Und ebenso wichtig war ihr der briefliche Austausch über die Lektüre mit ausgewählten Personen. Bemerkenswert ist der hohe Anteil an “verbotenen Büchern”: Werke von Diderot, Voltaire und anderen aufklärerischen Philosophen, Atheisten und Freidenkern, die von der kaiserlichen Zensur verbrannt worden waren. Caroline besorgte sich regelmäßig diese Schriften über ihren Frankfurter Buchhändler. Sie setzte sich für ihn ein, als er dafür mit Gefängnis bestraft wurde.

Zwei handschriftliche Kataloge sind erhalten in der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt (D-DS), die uns Auskunft geben über die Bibliothek der Großen Landgräfin, wenn auch die meisten der darin verzeichneten Bücher und Musikalien im Laufe der Jahrhunderte verloren gingen. Nur einer dieser Kataloge (D-DS Hs 2267), ein dickes, gebundenes Buch, trägt einen aussagekräftigen Titel:

Catalogue
de la Bibliotheque
de Son Altesse Serenissime
Madame la Princeße
Heréditaire Landgrave
de Hésse Darmstadt
née Princèsse Palatine
des Deuxpontes
1763

Das Vorwort enthält eine Beschreibung der sechs Schränke und ihres Inhalts im Schloss Buchsweiler. Weitaus die umfangreichste Abteilung besteht aus französischen Werken, gefolgt von deutschen und englischen. Es gibt viel Platz für Ergänzungen, dennoch wurden später offenbar dickere und etwas dunklere Blätter eingefügt mit Neuerwerbungen bis 1772. Am Schluss sind einige Musikalien, vor allem Opern, aufgeführt, die jedoch lediglich den bereits in Buchsweiler vorhandenen Bestand katalogisierten.

FFür die nach 1763 gemachten Ergänzungen wurde nämlich – leider ist nicht bekannt, zu welchem Zeitpunkt – ein Extrakatalog angelegt, der Schrift nach zu urteilen vom gleichen Schreiber (D-DS Hs 2591). Das dünne Heft, nach der Farbe des Umschlags auch “Kupferkatalog” genannt, hat weder Titel noch Datum oder Besitzvermerk. Es enthält, geordnet nach Genres, die Musik, die vermutlich in Darmstadt aufgeführt wurde, als Caroline dort residierte. Es sind kaum Werke aus dem “alten” Bestand der Hofkapelle enthalten, wohl aber einige Stücke aus der Zeit Ludwigs VIII., beispielsweise Kantaten zu seinem Geburtstag. Den größten Teil dürften aber diejenigen Werke ausmachen, die die modebewusste und immer über Neuerscheinungen informierte Landgräfin sich aus Berlin und aus Paris schicken ließ..

Abbildung: Auszug aus dem “Kupferkatalog”, mit freundlicher Genehmigung der ULB Darmstadt

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