Vom Gebrauchsgut zum Kulturgut: Das Musikarchiv des Zisterzienserstiftes Stams

Hildegard Herrmann-Schneider

Monday, June 21, 2021

Das Stift Stams war im 17. und 18. Jahrhundert eines der wichtigsten Musikzentren in Tirol. Davon zeugt bis heute das Stamser Musikarchiv. Das Notenmaterial, einst für die alltägliche musikalische Gestaltung des Lebens in diesem Kloster bestimmt, erfuhr im Lauf der Zeit den Wandel vom Gebrauchsgut zum nun kostbaren Kulturgut.

Abbildung: Anfang der Basso continuo-Stimme (ca. 1670?) zu einer singulär in Stams überlieferten Messe von Paul Kienhaimer, einem hochgeschätzten Zinkenbläser der Innsbrucker Hofmusikkapelle um 1620/30 und 1640/50. Handschrift in A-ST Mus.ms. 1550. Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Archivs ITMf.

Am 12. März des Jahres 1273 besiedelten Zisterzienser aus Kaisheim bei Donauwörth das vom Tiroler Landesfürsten Graf Meinhard II. und seiner wittelsbachischen Gemahlin Elisabeth neu gegründete Kloster Stams. Von Beginn an fiel Stams ein herausragender Rang unter den Klöstern in Tirol zu: Die Abtei war landesfürstliche Begräbnisstätte, lange Zeit wirtschaftlich stark, ein steter Treffpunkt der High Society aus Politik, Gesellschaft und Kirche, einer begehrter Ort für die schulische Ausbildung der Jugend. Funktionelle Eigenheiten einer Institution wirken sich auf ihr kulturelles Leben aus, dabei vor allem auch auf die Rolle der Musik. Infolgedessen war in Stams Musik wirkungsvoll präsent zur Liturgie, wie sie der Zisterzienserorden, die Stiftskirche mit ihren beiden Patrozinien Johannes der Täufer und Mariä Himmelfahrt, mit der Heilig-Blut-Reliquie oder dem Gnadenbild Maria vom Guten Rat bzw. die römisch-katholische Kirche im Allgemeinen vorgaben, entsprechend den Strömungen oder Moden jeweiliger Zeitumstände. In Stams erklang Musik in aller Vielfalt zur Repräsentation und Reverenz gegenüber hohen Besuchen, zur persönlichen Rekreation der Konventualen, im Verband von Mitbrüdern, Stiftsbediensteten und Gästen ebenso wie privat. Hier prägte Musik junge, dem Stift zur Erziehung und musikalisch umfassenden Bildung anvertraute Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung; die musikalische Mitwirkung der Knaben im Gottesdienst oder auf der Theaterbühne war eine Selbstverständlichkeit. Einander ähnliche Grundstrukturen klösterlicher Musikpflege zeigen sich an vielen Orten. Stams jedoch nimmt eine Sonderstellung ein: Es wurde zu einem der wichtigsten Musikzentren in Tirol, im 17. und 18. Jahrhundert nachweislich auf sehr hohem Niveau.

Die ausführlichste Kunde davon gibt die durch glückliche Umstände erhaltene, ungewöhnlich reichhaltige Musikaliensammlung im Stift. Das Notenmaterial, einst für die alltägliche musikalische Gestaltung des sakralen wie profanen Lebens in diesem Kloster bestimmt, erfuhr im Lauf der Jahrhunderte den Wandel vom einst selbstverständlich verfügbaren Gebrauchsgut zum nun kostbaren Kulturgut der Extraklasse. Es wurde zu einem weithin unersetzbaren Wissensspeicher. Schriftliche Musikquellen im Stift Stams reichen zurück bis in das 11. Jahrhundert, sogar noch in die Zeit vor der eigenen Klostergründung.

Die Musikhandschriften und -drucke im Stamser Musikarchiv beinhalten geistliche und weltliche Musik, mit einem Schwerpunkt auf dem 18. und 19. Jahrhundert, mit zahlreichen Unikaten von Bedeutung für die regionale wie europäische Musikgeschichte, von Komponisten des österreichisch-deutschen Raumes, aus Italien, Frankreich, aus den Niederlanden, aber ebenso aus Tirol, nicht zuletzt aus dem Stamser Konvent. In Stams finden sich zuhauf einzigartige Quellen zur Geschichte der Sinfonie, der Kirchen- und Kammermusik oder etwa der entscheidende Beleg zu der 1996 schlüssig erfolgten Identifizierung des tatsächlichen Komponisten der sog. “Kindersinfonie” nämlich des Tiroler Benediktiners Edmund Angerer aus dem Stift Fiecht, nicht wie bis dahin vermutet, Josef oder Michael Haydn bzw. Leopold Mozart (A-ST Mus.ms. 110). Mit ziemlicher Sicherheit birgt das Stamser Musikarchiv noch eine Reihe von Quellen, die – jeweils in der Gesamtheit ihres Kontextes betrachtet – bei den generell zahlreichen fraglichen Autorschaften von Musikstücken im 18. Jahrhundert künftig weitere erstmalig korrekte Werkzuschreibungen erlauben dürften.

Abbildung 2: Einband zu drei Streichquartetten von Antonio Rosetti (1750-1792), Kapellmeister der Hofkapelle zu Öttingen-Wallerstein, in einer Partiturabschrift des Komponisten und späteren Stamser Chorregenten P. Stefan Paluselli OCist, 1787. Signatur A-ST Mus.ms. 419. Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Archivs ITMf.

Die wissenschaftliche Katalogisierung des Musikarchivs von Stift Stams macht es möglich, dass sich jeder beliebige Interessent anhand von derzeit ca. 8.370 zugänglichen Stamser Titelaufnahmen im RISM-OPAC vom einstigen Musikleben in dieser Abtei selbst ein Bild machen kann (https://rism.info/, Bibliothekssigel: A-ST; Stand April 2021). Dabei sind auswärtige Musikinstitutionen inkludiert, aus denen sich in Stams Belege erhalten haben, sei es durch einen bewusst vorgenommenen oder zufällig erfolgten Transfer. Die Inventarisierungsarbeiten dauern noch an, schlussendlich dürften im RISM-OPAC über 9.000 Titel für Stams verzeichnet werden.

Für die Publikation der Quellenbeschreibungen aus Stift Stams stellt der RISM-OPAC das weltweit optimale Fachportal dar. Er enthält aktuell insgesamt über 1,2 Millionen Nachweise von Musikhandschriften und Musikdrucken. In ca. vier- bis sechswöchigem Abstand erfolgen regelmäßig online Updates, sowohl für Teile des Altbestands als auch hinsichtlich der Umfangserweiterung aufgrund neuer Inventarisierungen oder etwa der Beigabe von Quellendigitalisaten. Für das Projekt kooperieren die Zentralredaktion des seit 1952 bestehenden RISM (Répertoire International des Sources Musicales/Internationales Quellenlexikon der Musik) in Frankfurt am Main, das RISM Digital Center in Bern, die Bayerische Staatsbibliothek München, die Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, die Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz sowie die regionalen Arbeitsstellen des RISM in momentan über 35 Ländern der Welt. Die internationale Vernetzung der jeweiligen Bestandsbearbeiter im Verband des RISM bringt hinsichtlich des Vorgehens bei der Quellendokumentation, bei deren Publikation und weitschichtigen Nutzung für alle Beteiligten einzigartige Vorteile.

Da die vielfältigen Stamser Musikquellen einerseits Kulturdenkmäler von internationaler Relevanz, andererseits ein verantwortungsvoll zu bewahrendes Erbe aus der eindrucksvollen Musiktradition Tirols darstellen, können die adäquate sorgfältige Dokumentation und durch diese ein grundlegender Schritt zum Bestandserhalt für die Zukunft mit finanzieller Unterstützung der Kulturabteilung der Tiroler Landesregierung durchgeführt werden. Mit den Arbeiten für Stams ist die Musikwissenschaftlerin Hildegard Herrmann-Schneider betraut, von der Arbeitsstelle RISM Tirol-Südtirol & OFM Austria mit Sitz im Institut für Tiroler Musikforschung (www.musikland-tirol.at).

Abbildung 3: Titelblatt zum Offertorium „Christi martyr“ von Antonio Tozzi (ca. 1736 - nach 1792), aus Bologna stammender und 1773/75 in München gefeierter Opernkomponist. Wohl Bearbeitung aus einer bislang fraglichen Oper Tozzis, Abschrift von P. Stefan Paluselli OCist, ca. 1775. Signatur A-ST Mus.ms. 318. Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Archivs. Kompositionen zu Ehren des hl. Märtyrers Sebastian sind für Stams belegt, seit 1636, während die Pest in Tirol wütete, der Maler Paul Honegger († 1649 Innsbruck) für die Stiftskirche ein neues Altarbild geliefert hatte: Es zeigt die drei Pestheiligen Sebastian, Rochus von Montpellier und Antonius den Großen (den Einsiedler) sowie den Stamser Konvent, der sich ihrem Schutz unterwirft (Kunstsammlungen Stift Stams, Inv.-Nr. 298, Abb. zuletzt bei Herrmann-Schneider 2020, S. 201).

In den letzten Jahren wurden über die Quellenbeschreibungen im RISM-OPAC hinaus etliche Studien zu Detailfragen der Stamser Musiküberlieferung publiziert, Werkverzeichnisse mit – oftmals singulären – Stamser Belegen bereichert, Notenausgaben vorgelegt, in exemplarischen Konzerten und CD-Editionen (darunter in einer eigenen CD-Reihe “Musik aus Stift Stams”) durch das Institut für Tiroler Musikforschung in Innsbruck die Klangwelt des Musikarchivs von Stift Stams systematisch und für jedermann erfahrbar erschlossen sowie im Klangraum Tirol komplett online abrufbar gemacht (unter www.musikland-tirol.at). Die Buchpublikation Wo die Engel musizieren. Musik im Stift Stams (Brixen: A. Weger 2020) von Hildegard Herrmann-Schneider präsentiert die Musikpflege im Stift Stams in allen ihren Bereichen sakraler und profaner Musik und geht dem früher herausragenden Stellenwert der Musik an diesem Ort ebenso anhand der hier außergewöhnlich zahlreichen Werke der bildenden Kunst mit Musikmotiven nach, vom 14. Jahrhundert an.

Buchtipp: Wo die Engel musizieren… Musik im Stift Stams

Weitere Links: www.stiftstams.at

www.musikland-tirol.at

Der Beitrag wurde erstmals auf der Website des Bereichs Kultur und Dokumentation der Ordensgemeinschaften Österreich veröffentlicht.

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Kategorie: Bibliotheksbestände


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