Die erste Sammlung von Musikhandschriften des späten Mittelalters und der Renaissance aus Lviv ist online

Sofyja Holub

Wednesday, June 2, 2021

Von unserer Kollegin Sofyja Holub (RISM Ukraine) haben wir folgenden Bericht erhalten:

Die erste Sammlung von Musikhandschriften des späten Mittelalters und der Renaissance aus Lemberg in der Ukraine wurde für das RISM katalogisiert und ist nun im RISM Online-Katalog verfügbar. Die Sammlung wird in der Wissenschaftlichen Bibliothek der Nationalen Iwan-Franko-Universität Lviv aufbewahrt.

Die Zusammenarbeit zwischen dem RISM und der Wissenschaftlichen Bibliothek begann im Februar 2019 in Lemberg mit einem dreitägigen Muscat-Workshop über das Katalogisieren von Musikquellen. Der RISM-Mitarbeiter Guido Kraus führte diesen Workshop für Angestellte und Studierende verschiedener Lemberger Bibliotheken und Institutionen durch. Vertreten waren die Stefanyk-Bibliothek (RISM-Sigel UA-LVs), die Wissenschaftliche Bibliothek der Nationalen Iwan-Franko-Universität und die Nationale Musikakademie Mykola Lysenko. Unter den Experten der Wissenschaftlichen Bibliothek der Nationalen Iwan-Franko-Universität waren ihr Direktor Vasyl Kmet, der Leiter der Abteilung für Handschriften und alte Drucke benannt nach Vedir Maksymenko Herr Mykola Ilkiv-Svydnytskyi und seine Mitarbeiterin Frau Sofiya Holub.

Während des Workshops wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dem RISM Online-Katalog vertraut gemacht und lernten anhand spezifischer Beispiele das Katalogisieren von Musikquellen mit Muscat. Bald nach dem Workshop begann unsere Kollegin Sofiya Holub als verantwortliche Projekt-Managerin mit der Erfassung der handschriftlichen Musikquellen. Im Jahre 2020 war die Katalogisierung abgeschlossen.

Insgesamt wurden 22 lateinische Manuskripte erfasst, die in der Abteilung für Handschriften und alte Drucke benannt nach Vedir Maksymenko aufbewahrt werden (RISM Bibliothekssigel: UA-LVu). Es handelt sich um liturgische Bücher in der Tradition der Gregorianik aus dem 15. bis 18. Jahrhundert. Darunter sind Antiphonare, Graduale, Kyriale und Missale. Die sakralen Stücke sind in Quadratnotation, gotischen Neumen und in Mensuralnotation verfasst.

Den größten Anteil an der Sammlung haben Handschriften von der Lemberger Lateinischen Kathedrale Mariae Himmelfahrt, deren historische Bibliothek mit der des Kapitels zusammengelegt wurde. Beide Sammlungen stellen für die Stadt Lemberg ein sehr wichtiges kulturelles Erbe dar. Die Sammlung der Kathedrale wurde in der Vergangenheit dank kirchlicher Würdenträger der Stadt Lemberg mit Beständen liquidierter Bibliotheken und durch Schenkungen erweitert. Neben den Musikalien auch mit lateinischen Handschriften.

Verschiedene Inventare aus den Jahren 1630, 1659, 1756 und aus dem 19. Jahrhundert listen anfänglich liturgische Handschriften, später auch Drucke auf. Sie verzeichnen zusätzlich die Schenkungen durch Lemberger Erzbischöfe und Kanoniker. Diese Inventare wurden später der Wissenschaftlichen Bibliothek der Nationalen Iwan-Franko-Universität überlassen.

Ein weiterer bemerkenswerter Teil des Projekts war die Katalogisierung einer handschriftlichen Lautentabulatur polnischer Provenienz, ein Unikat mit Musik für sechs- und siebensaitige Laute. Die Tabulatur datiert auf den Zeitraum 1555-1592. Sie beinhaltet neben Madrigalen und Chansons, Tänze und Fantasien von italienischen, französischen, deutschen, englischen und polnischen Komponisten. Einzelne Werke finden sich nur in dieser Tabulatur, was sie besonders wertvoll macht. Notiert ist die Handschrift in französischer und italienischer Lautentabulatur. Für alle 57 Werke stehen im RISM Online-Katalog transkribierte Musikincipits zur Verfügung.

Auf einer einstündigen akademischen Online-Konferenz am 6. Mai 2021 mit Vertreterinnen und Vertretern der beteiligten Projektpartner und weiteren ukrainischen Institutionen und Bibliotheken wurde das RISM-Projekt vorgestellt unter dem Titel “Erste Erfahrungen mit einem globalen Katalogisierungsprojekt in der Ukraine: die erste Lemberger Musiksammlung beim RISM”. Es sprachen: Vasyl Kmet (Direktor der Wissenschaftlichen Bibliothek der Nationalen Iwan-Franko-Universität), Guido Kraus (RISM-Zentralredaktion), Angelika Moths (Musikwissenschaftlerin und Dozentin an der Basler Musikakademie) und Ivan Dukhnych (Künstlerischer Leiter der Basler Vereinigung “Haliciana Schola Cantorum”) sowie Sofiya Holub.

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