Zum 150. Todestag eines der produktivsten Musiker Mexikos
John G. Lazos
Thursday, July 9, 2026
Nur wenige Musiker prägten im 19. Jahrhundert das Musikleben Mexikos auf so vielfältige Weise wie José Antonio Gómez y Olguín (1805–1876). Als Komponist, Interpret, Pädagoge, Herausgeber, Verleger und Kulturunternehmer zählt er zu den einflussreichsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Die Wiederentdeckung und Katalogisierung der erhaltenen Original-Quellen von Gómez hat unser Verständnis über eine wichtige Epoche der mexikanischen Musikkultur erheblich erweitert und ein Repertoire ans Licht gebracht, das noch vor einer Generation weitgehend unbekannt war.
Wir beginnen mit einem im Jahr 1840 veröffentlichten Porträt, das einen gut gekleideten Musiker zeigt. Es erschien als Illustration zu einer umfassenden Biografie – verfasst in der dritten Person und dazu gedacht, Gómez dem Musikpublikum der mexikanischen Hauptstadt vorzustellen. Der Stahlstich (in dieser Region zu dieser eher ungewöhnlich) spiegelt seinen hohen sozialen Status wider. Das Porträt zeigt vermutlich eine große Ähnlichkeit mit der Erscheinung des jungen Musikers, und die Betonung der Details seines Gesichts und seiner Kleidung unterstreicht seinen sozioökonomischen Status. Gómez war zu diesem Zeitpunkt erst 35 Jahre alt.
Porträt von José Antonio Gómez, veröffentlicht in Mariano Galváns Calendario de las señoritas megicanas para el año bisiesto de 1840 (Mexiko: Librería del Editor, 1840), Exemplar der Universidad Autónoma de Nuevo León, Signatur AY19. C3 1840 online verfügbar.
Gómez wurde 1805 in Mexiko-Stadt geboren. Schon in jungen Jahren erhielt er bei seinem Vater Musikunterricht. Bekannt als el niño Gómez („der kleine Gómez“), erlangte er sowohl für sein Klavierspiel als auch für seine Stimme Anerkennung; insbesondere als Sänger wurde er in verschiedenen Kirchen engagiert. Bereits im Alter von 10 Jahren komponierte Gómez und erregte damit die Aufmerksamkeit verschiedener Zeitgenossen, die sein früh entwickeltes musikalisches Talent lobten.
Eine wegweisende Erfahrung war Gómez’ Begegnung mit dem berühmten spanischen Tenor Manuel García, der die Rolle des Almaviva in Rossinis Oper Il Barbiere di Siviglia inspiriert hatte. Sein Aufenthalt in Mexiko-Stadt brachte den jungen Gómez, der damals Anfang 20 war, mit Berufsmusikern und Aufführungspraktiken in Berührung, die seine spätere Karriere beeinflussen sollten.
In den 1830er und vor allem in den 1840er Jahren hatte sich Gómez als eine der bekanntesten Persönlichkeiten in Mexiko-Stadt etabliert. Seine richtungsweisenden Aktivitäten reichten von Privatunterricht über Konzertauftritte bis hin zu Veröffentlichungsprojekten, die für die gebildeten Kreise Mexikos konzipiert wurden. Zu den wichtigsten zählen:
1832 Gramática Razonada Musical Obwohl Gómez’ Werk weitgehend auf Federico Morettis gleichnamige Abhandlung zurückgeht, ist es dennoch von Bedeutung, da es zu den frühesten mexikanischen musiktheoretischen Veröffentlichungen zählt, die gedruckte Musikbeispiele enthalten, was die wachsende Rolle des Druckwesens bei der Verbreitung musikalischen Wissens verdeutlicht. Ein Exemplar von Gómez’ Abhandlung wird in der Music Library Rare Book Collection der University of Toronto aufbewahrt.
1839 Prospecto y Reglamento de la Gran Sociedad Filarmónica y Conservatorio Mexicano de las Ciencias y Bellas Artes
Diese Veröffentlichung warb für Gómez’ ehrgeiziges Konservatoriumsprojekt und spiegelt seine Überzeugung wider, dass die musikalische Bildung für den kulturellen Fortschritt der Nation von entscheidender Bedeutung sei. Leider existierte sein eigenes Konservatorium nur für kurze Zeit.
1840 die oben erwähnte Biografie von Gómez
1841 Variaciones sobre el tema del Jarabe Mejicano Ein Variationszyklus, der auf einem der beliebtesten traditionellen Tänze Mexikos basiert, dem Jarabe, der Ende des 18. Jahrhunderts der Zensur durch die spanische Inquisition unterlag. Seine Texte enthielten oft offene Kritik an der Autorität der Kirche, was ihn zu einem starken Symbol des Widerstands während des mexikanischen Unabhängigkeitskrieges machte. Die Weltpremiere-Aufnahme dieses virtuosen Werks kann online abgerufen werden.
1843 Instructor Filarmónico. Nuevo Método para piano Wie bei Gómez’ Gramática Razonada Musical, ist der theoretische Teil dieser Abhandlung nicht vollständig eigenständig entstanden, denn Gómez stützte sich auf die Arbeiten des spanischen Musiktheoretikers Josef Joaquín de Virués y Spínola (1770–1840). Dennoch spiegelt der Instructor Filarmónico Gómez’ Bemühungen wider, durch Druckveröffentlichungen den Zugang zu musikalischer Bildung zu fördern. Eine digitale Kopie ist im Internet Archive verfügbar.
1843 Instructor Filarmónico. Periódico Semanario Musical Während die Herausgabe und die Veröffentlichung von Werken anderer Komponisten in Europa gängige Praxis waren, kommt Gómez’ Bemühungen in Mexiko eine besondere Bedeutung zu. Der erste Band stellte einer Gesellschaft, die nach dem Krieg ein wachsendes Interesse am häuslichen Musizieren zeigte, ein abwechslungsreiches musikalisches Repertoire vor. Insbesondere mit dieser Publikation trug Gómez zur Entstehung eines über den traditionellen kirchlichen und professionellen Bezugsrahmen hinausreichenden musikalisch gebildeten Milieus bei. Im Internet Archive kann man diese Veröffentlichung ebenfalls einsehen.
1844 Instructor Filarmónico Fortsetzung Der zweite Band erweitert das musikalische Repertoire. Von den insgesamt 35 Werken stammen 13 aus Opern, während sich der Rest aus 9 Walzern, 4 Cuadrillas (ein traditioneller spanischer Tanz), 3 Liedern, 2 Variationszyklen, 1 Jota, 1 Rondo, 1 Ouvertüre und 1 Barcarolle zusammensetzt. Die Auswahl verdeutlicht Gómez’ Bestreben, ein Gleichgewicht zwischen europäischem Repertoire, insbesondere der italienischen Oper, und Werken mexikanischer Komponisten herzustellen.
| NATIONALITÄT | ANZAHL DER WERKE | NAME | ANZAHL DER WERKE |
| Italienisch | 13 | Donizetti, Gaetano | 7 |
| Mercadante, Saverio | 2 | ||
| Bellini, Vincenzo | 2 | ||
| Rico, Luigi | 1 | ||
| Bertini, Henri | 1 | ||
| Mexikanisch | 12 | Gómez, José Antonio | 7 |
| Gómez, Alejandro | 2 | ||
| Baca, Luis | 1 | ||
| Patiño, Pablo | 1 | ||
| Covarrubias, Manuel | 1 | ||
| Deutsch | 2 | Strauss, Johann | 1 |
| Prixis, Peter | 1 | ||
| Spanisch | 2 | García, Manuel | 1 |
| Cabrera, Paulina | 1 | ||
| Französisch | 2 | Mussard, Philippe oder Alfred? | 2 |
| Österreichisch | 1 | Herz, Henri | 1 |
| unbekannt | 3 | Lucrecia (?) | 1 |
| Name unbekannt | 2 |
1844 El Inspirador Permanente. Gran método de música vocal Diese Abhandlung entstand unter Rückgriff auf Lehrwerke von Nicola Vaccai und Marco Bordogni. Sie verdeutlicht Gómez’ anhaltendes Interesse an der Gesangspädagogik und Verbreitung europäischer Unterrichtstechniken in ganz Mexiko. Auch in diesem Fall ist ein Digitalfaksimile dieser Abhandlung im Internet Archive zu finden.
Zusammengenommen zeigen diese Veröffentlichungen, wie sich die Druckpublikation in den Jahrzehnten nach dem erfolgreichen Unabhängigkeitskrieg zu einem wichtigen Medium entwickelte, um Aufführungspraxis, musikalische Bildung und musikalisch-kulturelle Identität zu prägen. Mit pädagogischen Abhandlungen, Repertoire-Sammlungen und Bildungsinitiativen strebte Gómez an, den Zugang zu musikalischem Wissen zu erweitern und die Musikkultur im Mexiko des 19. Jahrhunderts zu stärken. Und das ist noch nicht alles. Von Gómez’ zahlreichen geistlichen und weltlichen Kompositionen seien hier nur zwei genannt:
Pieza Histórica sobre la Independencia de La Nación Mexicana Ein programmatisches Werk, das wertvolle Einblicke in die Rolle der Musik bei der Herausbildung der nationalen Identität gestattet. Gómez verwandelt eine politische Erzählung in eine Folge von 52 kurzen musikalischen Sätzen und eine abschließende Hymne, die Mexikos Kampf um die Unabhängigkeit zum Ausdruck bringen. Das einzige derzeit bekannte vollständige Druckexemplar ist als Satz von vier gebundenen Stimmen in der Real Biblioteca in Madrid, Spanien, erhalten. Besonders eindrucksvoll ist der Eröffnungssatz, der auf Taktstriche verzichtet und einen freien Klaviersatz verwendet, um Unsicherheit und Vorfreude seines militärischen Protagonisten widerzuspiegeln. Eine offene Frage wirft die mit „C. H. ♮“ gekennzeichnete Druckplatte auf – eine Abkürzung, die noch nicht identifiziert werden konnte.
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Titelblatt und erste Seite der Klavierstimme aus „Pieza Histórica“ von Gómez y Olguín. Mit freundlicher Genehmigung der Real Biblioteca del Palacio (E-Mp), Signatur MUS/978
Partitura Originál | del Te Deum Laudamus | à 4, Voces, 2, Violines, 2, Violas, | oboé, 2, Flautas, 2, Clarinetes, | 2 Trompas, Fagot, Timbales, | Órgano obligado, Bajo | órgano y Bajo | continuo | Compuesto por | J. Ant.o Gómez. | En Mej.co Año de 1835. Das Te Deum zeigt Gómez’ Fähigkeit, unter Zeitdruck an einer groß angelegten Komposition zu arbeiten. Er berichtete, er habe „nur zweieinhalb Tage“ gebraucht, um dieses Werk zu Ehren des Präsidenten zu schreiben, der nach einer siegreichen Schlacht in die Kathedrale von Mexiko-Stadt eingeladen worden war. Der Erfolg dieses Werks trug dazu bei, dass Gómez eine der führenden musikalischen Positionen an der Kathedrale von Mexiko-Stadt erhielt. Es wurde 1840 anlässlich der Weihe des ersten mexikanischen Erzbischofs erneut aufgeführt – ein feierliches Ereignis, das in einem [Brief der Marquise Frances Erskine Inglis Calderón de la Barca] (https://www.aspresolver.com/aspresolver.asp?BWLD;S4426;parent) aus dem Jahr 1842 ausführlich beschrieben wird. Das Te Deum wurde kürzlich auch im Rahmen eines Konzerts wieder aufgeführt und bietet dem modernen Publikum Gelegenheit, eine bedeutsame Komposition aus den frühen Jahren der Unabhängigkeit Mexikos kennenzulernen.
150 Jahre nach seinem Tod erweist sich José Antonio Gómez y Olguín weiterhin als zentrale Figur der mexikanischen Musikkultur des 19. Jahrhunderts. Sein Wirken als Komponist, Interpret, Pädagoge, Herausgeber, Verleger und Leiter von Institutionen trugen zur Entfaltung des Musiklebens im unabhängigen Mexiko bei. Die fortlaufende Katalogisierung, Digitalisierung und Verbreitung der erhaltenen Werke von Gómez verspricht nicht nur, den Werdegang eines bemerkenswerten Musikers zu erhellen, sondern auch unsere Kenntnis der musikalischen Vergangenheit Mexikos und ihres Platzes in der Gesamtgeschichte der Musik des 19. Jahrhunderts zu bereichern.
Abbildung ganz oben: Titelblatt der handschriftlichen Kopie von Gómez’ Te Deum (1835), RISM-ID 120000586 (RISM-Katalog | RISM Online). Mit freundlicher Genehmigung des Archivo del Cabildo Catedral Metropolitano de México (MEX-Mc), Signatur AM0843 [A-C]; A0825, online verfügbar.
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