Das RISM Editorial Network stellt sich vor

Balázs Mikusi

Wednesday, July 1, 2026

Das Répertoire International des Sources Musicales (RISM) wurde offiziell 1952 während der ersten Sitzung der Commission Mixte mit Vertretern der International Musicological Society (IMS) und der International Association of Music Libraries (IAML) gegründet. Dieses historisch bedeutsame Treffen fand in Paris statt und dort, in der französischen Hauptstadt mit Sitz in der Bibliothèque nationale, nahm im folgenden Jahr auch das Secrétariat central des RISM seine Arbeit auf. Allerdings zeichnete sich bald ab, dass die umfassende Erfassung der Musikquellen, die die Kriegsjahre überstanden hatten, eine deutlich größere Arbeitskapazität erforderte, und so wurde 1960 in Kassel die RISM-Zentralredaktion eingerichtet. Da das Pariser Secrétariat central in den 1960er Jahren nach und nach seine Tätigkeit einstellte, entwickelte sich auf internationaler Ebene die Kasseler Zentralredaktion zur treibenden Kraft hinter dem gesamten RISM-Projekt, wie die neun umfangreichen Bände der A/I-Serie („Einzeldrucke vor 1800“), veröffentlicht zwischen 1971 und 1981 (später um ein vier Bände umfassendes Supplement und einen Registerband ergänzt), zeigen. Auch wenn die Zentrale des Projekts nach Deutschland verlegt wurde, ist das eigentliche Fundament des RISM bis heute erhalten geblieben: ein internationales Netzwerk an Beitragenden, die die Zentralredaktion kontinuierlich mit Beschreibungen von Quellen aus den jeweiligen Ländern versehen. Dank ihrer Arbeit entwickelte sich das RISM zu jener umfangreichen Schatzkammer an Informationen, wie wir sie heute kennen.

Als sich die Etappe der arbeitsintensiven Herausgabe der A/I-Serie dem Ende näherte, konnte sich die Zentralredaktion (heutzutage meist als RISM Editorial Center bezeichnet) der nächsten großen Herausforderung zuwenden: der Erstellung von Katalogisierungsrichtlinien und eines technischen Rahmenkonzepts für die A/II-Serie „Musikhandschriften nach 1600“. Wie bereits zwei Jahrzehnte zuvor erforderte ein neues Vorhaben einer solchen Größenordnung eine solidere Grundlage, die schließlich durch die Aufnahme der Kasseler RISM-Geschäftsstelle in das sogenannte Akademienprogramm der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften gesichert wurde. Dieses Programm gewährt Unterstützung aus deutschen Landes- und Bundesmitteln speziell für langfristig angelegte Projekte. Mit der Aufnahme der RISM-Zentralredaktion (die 1987 nach Frankfurt am Main umzog) in das Akademienprogramm, wurde diese unter die Schirmherrschaft der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz gestellt.

Während das A/II-Projekt RISM bis heute beschäftigt, gab es in den vergangenen Jahrzehnten im technischen Bereich zahlreiche bedeutende Veränderungen: die erste Mikrofiche-Ausgabe der A/II-Serie (1984), Einführung der PIKaDo-Software zur Quellenkatalogisierung (1990), Veröffentlichung von Quellenbeschreibungen auf CD-ROM (1995), Einführung einer ersten Webdatenbank als Gemeinschaftsprojekt der Zentralredaktion und der RISM-Arbeitsstelle an der Harvard University (1997) sowie der Wechsel der Katalogisierungssoftware von PIKaDo zu Kallisto (2006). Als krönender Abschluss all dieser Entwicklungen wurde 2010 die RISM-Datenbank einer breiten internationalen Öffentlichkeit ohne die Erhebung von Benutzungsgebühren zugänglich gemacht, als der RISM OPAC in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Staatsbibliothek in München und der Staatsbibliothek zu Berlin online gestellt wurde – ein Schritt, der es dem RISM zudem ermöglichte, seine Daten einige Jahre später als Linked Open Data bereitzustellen.

Dennoch war das letzte Jahrzehnt nicht weniger ereignisreich mit der Einführung der Katalogisierungssoftware Muscat für die internationale RISM-Community (2016), der Entwicklung neuer Vorlagen zum Katalogisieren speziell für Noten in Zusammenarbeit mit der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) im Jahr 2018 und der Umstrukturierung der Schweizer RISM-Arbeitsgruppe (den Entwicklern von Muscat) zum RISM Digital Center (2021), was auch zur Entwicklung von RISM Online als alternativem Zugang zur internationalen RISM-Datenbank führte.

Es versteht sich von selbst, dass das oben Gesagte nicht mehr als einen sehr groben Überblick über die Geschichte des RISM darstellt – unter anderem bleiben die zahlreichen Veröffentlichungen der B-Serie (die größtenteils von externen Experten und nicht von der Zentralredaktion erstellt wurden) unberücksichtigt. Dennoch verdeutlicht bereits dieser kurze Überblick zwei Punkte von zentraler Bedeutung:

(1) Tiefgreifende Veränderungen – sowohl in Bezug auf die Organisationsstruktur als auch hinsichtlich der Arbeitsabläufe – waren im Lauf der Geschichte des RISM unvermeidlich, gerade damit die ursprünglichen Ziele unter den sich ständig wandelnden Umständen bestmöglich verfolgt werden konnten.

(2) Kooperationen – ob nun zwischen Musikwissenschaftlern und Musikbibliothekaren, wie bereits bei der Gründung des RISM, oder in späteren Jahren zwischen der Zentralredaktion und anderen gleichgesinnten Partnern – haben dem RISM seit jeher in entscheidenden Momenten dabei geholfen, Ziele zu erreichen, die kein institutioneller Akteur hätte im Alleingang erreichen können.

Diese beiden Erkenntnisse sollte man im Hinterkopf behalten, wenn das RISM nun erneut vor einem substantiellen Wandel steht. Zwar konnte die Förderung im Rahmen des Akademienprogramms mehrfach verlängert werden, doch mit dem näherrückenden Ende der letzten Verlängerung stellt die Zentralredaktion – die seit mehr als einem halben Jahrhundert das Zentrum des RISM bildete – Ende Juni 2026 endgültig ihre Tätigkeit ein. Da ihre Aufgaben (Daten- und Normdatenpflege, Fortbildung, Kommunikation usw.) für das RISM weiterhin unerlässlich sind, aber nicht von einer einzelnen Institution vollständig übernommen werden können, haben sich einige langjährige Partner aus verschiedenen Teilen Deutschlands dazu entschlossen, ihre Kräfte zu bündeln und ein RISM Editorial Network zu gründen. Die Mitglieder dieses neuen Netzwerks sind (in alphabetischer Reihenfolge):

  • Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz
  • Bayerische Staatsbibliothek, München
  • Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
  • Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) Dresden
  • Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Mit der Aufteilung der vielfältigen Aufgaben der Zentralredaktion haben diese Partner vereinbart, in Zukunft alle redaktionellen Dienstleistungen sicherzustellen, die benötigt werden, damit die RISM-Community weiterhin Musikquellen in der RISM-Datenbank katalogisieren kann. Die genauen Einzelheiten darüber, welche Aufgaben ein Partner jeweils übernimmt, dürften für die große Öffentlichkeit nur von geringer Bedeutung sein. In den vergangenen Monaten haben wir unser Bestes gegeben, um alle Mitarbeitenden auf ihre neuen Aufgaben vorzubereiten, und wir hoffen sehr, dass der Übergang für alle, die durch die Katalogisierung von Quellen zur RISM-Datenbank beitragen, mit allenfalls geringen Unannehmlichkeiten verbunden sein wird.

In den vergangenen Jahrzehnten lag es in erster Linie in der Verantwortung der Zentralredaktion, für die internationale RISM-Community sowohl den intellektuellen Hintergrund als auch die technische Infrastruktur bereitzustellen. An dieser Stelle in der Entwicklung des RISM müssen wir einen großen Schritt weg von einer eher zentralistischen Struktur hin zu einem Netzwerk kooperierender Institutionen machen – ein Schritt, der im Übrigen sehr gut zur oben skizzierten langen Geschichte des RISM passt. Ab Juli 2026 fällt die Unterstützung der weltweiten RISM-Community – gewissermaßen als Höhepunkt der schrittweisen Veränderungen, die bereits in den letzten Jahren stattgefunden haben – zwei relativ neuen Akteuren zu: dem RISM Editorial Network (als Nachfolger der RISM-Zentralredaktion), an dem sich eine Handvoll maßgeblicher Institutionen in Deutschland beteiligen, und dem RISM Digital Center (als grundlegend neu konzeptionierter Nachfolger der ehemaligen Schweizer RISM-Arbeitsgruppe) mit Sitz in Bern. Die zweifellos signifikante Veränderung in der Gesamtstruktur des RISM fordert uns dazu auf, uns mit etwas komplexeren Arbeitsabläufen auseinanderzusetzen – wobei wir gleichzeitig hoffen dürfen, dass sich langfristig die größere interne Vielfalt auch als Impulsgeber für das RISM erweisen könnte.

In diesem Sinne bitten wir Sie, das neue RISM Editorial Network herzlich willkommen zu heißen. Wenn Sie Fragen haben, zögern Sie bitte nicht, uns unter contact@rism.info zu kontaktieren. Unsere alte Kontaktadresse bleibt auch nach dem Übergang erhalten, wie übrigens die meisten Dinge, auf die es bei RISM wirklich ankommt.

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Kategorie: Eigendarstellung


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