Zum 200. Geburtstag von Pauline Viardot am 18. Juli 2021

Christin Heitmann

Thursday, July 15, 2021

Diesen Gastbeitrag haben wir von Christin Heitmann (Autorin des Systematisch-bibliographischen Werkverzeichnisses Pauline Viardots), Beethoven-Haus Bonn erhalten.

Am 18. Juli 2021 jährt sich der Geburtstag der französischen Sängerin, Pianistin und Komponistin Pauline Viardot (1821–1910) zum 200. Mal. So war es ein schöner Zufall, als einige Monate vor dem Jubliäum, im November 2020 Pauline Viardots Autograph ihrer Komposition Chanson d’autrefois VWV 1129 für Singstimme und Klavier beim Autographenhändler Kotte Autographs zum Kauf angeboten wurde. Das FMG konnte dieses seltene Stück erwerben, dort gehört es nun zu den Rara-Beständen. Derdie aktuelle Verkäuferin ist nicht bekannt, doch eine berühmte Vorbesitzerin war laut dem Angebot von Kotte Autographs die Sopranistin Maria Callas (1923–1977).

Pauline Viardot ist eine der bedeutendsten Vertreterinnen der europäischen Kultur ihrer Zeit. Sie war nicht nur eine der berühmtesten Opern- und Konzertsängerinnen des 19. Jahrhunderts, eine angesehene Gesangslehrerin und eine sehr gute Pianistin. Sie war auch eine produktive Komponistin, deren kompositorisches Œuvre weit umfangreicher ist als gemeinhin bekannt. Über einen Zeitraum von mehr als sechs Jahrzehnten entstanden ca. 250 Kompositionen in verschiedenen Gattungen, wobei der Liedkomposition für eine oder mehr Singstimmen mit Klavierbegleitung die größte Bedeutung zukommt. Sie komponierte außerdem Kammermusik- und Klavierwerke sowie szenische Werke, darunter opérettes de salon für Singstimmen, Chor und Klavier, die sie selbst mit ihren Schülerinnen inszenierte. Darüber hinaus entstanden Bearbeitungen und Editionen fremder Werke sowie Bearbeitungen traditioneller Lieder verschiedener nationaler Herkunft (mehr dazu hier).

Sowohl handschriftliche als auch gedruckte Textzeugen zu Pauline Viardots Werken sind in großer Zahl erhalten und werden in Bibliotheken und Archiven weltweit aufbewahrt. Einige Bestände sind von besonderer Bedeutung, da es sich um große Bestände und um Teilnachlässe der Komponistin handelt. Die Houghton Library der Harvard University (RISM Bibliothekssigel: US-CAh erwarb 1999 große Teile der ehemaligen Archives Le Cesne aus dem Besitz von Martine Le Cesne, Ururenkelin Pauline Viardots, und ihres Ehemannes André Le Cesne. Das Material ist katalogisiert unter dem Titel Pauline Viardot-Garcia Papers, 1836–1905 (Signatur MS Mus 232). Ergänzend zu diesem Bestand erwarb die Houghton Library weitere einzelne Dokumente und kleinere Quellenbestände zu Pauline Viardot, und im Jahr 2011 schließlich die umfangreiche Sammlung Bonynge-Sutherland Collection. Alle Anschaffungen der Jahre 2005–2011 sind zusammengefasst unter: Pauline Viardot-García additional papers, 1838–1912 (Signatur MS Mus 264).

In Paris in der Médiathèque Hector Berlioz des Conservatoire national supérieur de musique et danse de Paris ist der Nachlass von Pauline Viardots dritter Tochter Marianne Duvernoy zugänglich, der Fonds Viardot-Duvernoy. Dieser enthält neben zahlreichen Autographen Pauline Viardots auch Abschriften fremder Hände, von denen eine Handschrift vermutlich der Bestandsbildnerin zugeschrieben werden kann. Teil dieses Bestands ist auch eine umfangreiche Sammlung zeitgenössischer Drucke. Die Textzeugen aus dem Fonds Viardot-Duvernoy sind als Digitalisate über den Online-Katalog der Médiathèque frei zugänglich (zum Gesamtbestand: Fonds Viardot-Duvernoy).

Mehr dazu sowie zu kleineren Beständen in Bibliotheken und Archiven in Europa und den USA finden Sie hier. Eine Übersicht über alle im Werkverzeichnis erschlossenen Fundorte finden Sie hier.

Bei dem im November 2020 aufgetauchten Autograph handelt es sich um die Reinschrift der “Chanson d’autrefois” VWV 1129, eines von acht Liedern Pauline Viardots nach Texten von Victor Hugo (1802–1885). Sein Gedicht “Chanson d’autrefois” gehört zu der Sammlung Les quatre vents de l’esprit (Pauline Viardot gibt diesen Titel in ihrem Autograph mit „Les 4 vents du ciel“ falsch wieder, s.u.). Es umfasst ein Doppelblatt, das in der Mitte einmal quer gefaltet war. Die Seiten 1 bis 3 sind mit je vier Systemen für Singstimme und Klavier mit Tinte beschrieben, die vierte Seite ist unbeschrieben bzw. enthält nur eine Bleistiftnotiz unbekannter Herkunft, deren Bedeutung unklar ist („CARN-5177“, am rechten Blattrand in senkrechter Ausrichtung).

Pauline Viardot notierte als Titel über dem ersten System “Chanson d’autrefois. / (Les 4 vents du ciel).” und in der rechten oberen Ecke “Victor Hug[o]” – offenbar ist der rechte Rand beschnitten, daher fehlt das “o”. In der linken oberen Ecke ist von fremder Hand “Pauline Viardot” mit Bleistift und unterstrichen geschrieben. Sie selbst notierte ihren eigenen Namen nicht, auch nicht unterhalb der Partitur. Das Manuskript blieb undatiert.

Die “Chanson d’autrefois” ist in zwei weiteren Textzeugen überliefert, die bis auf kleinere Unterschiede dieselbe Fassung enthalten: eine Abschrift, die vermutlich Pauline Viardots Tochter Marianne Duvernoy angefertigt hat („M. D.“ oben rechts auf dem Titelblatt). Diese gehört zum Fonds Viardot-Duvernoy in der Pariser Médiathèque Hector Berlioz, Signatur Msc 108 (ein Digitalisat ist online verfügbar).

Außerdem veröffentlichte Pauline Viardot ihre Komposition in einer gedruckten Liedsammlung, wie sie es sehr oft tat. Das Heft mit dem Tite Six Mélodies pour une voix suivies d’un Duo pour 2 voix égales avec accompagnement de Piano par Mme. Pauline Viardot erschien 1892 in Paris beim Verlag J. Hamelle. Von diesem Druck sind derzeit nur drei Exemplare bekannt (eines davon in der Houghton Library, eines in Privatbesitz). Das Exemplar F-Pc, A. 31592 ist online verfügbar in Gallica.

Mehr über Pauline Viardots Autograph ihrer Komposition “Chanson d’autrefois” können Sie auch hier lesen (in deutscher Sprache).

Abbildung: Erste Seite des Autographs von “Chanson d’autrefois” von Pauline Viardot. © Archiv fmg

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Kategorie: Jubiläen


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