Neue digitalisierte Musikhandschriften in der British Library

Chris Scobie

Monday, October 18, 2021

Der folgende Text stammt von Chris Scobie (leitender Kurator, Musikhandschriften) und wurde ursprünglich auf dem Music Blog der British Library veröffentlicht. (Creative Commons Attribution Licence):

Nach unserem letzten Blogbeitrag über neu digitalisertes Material aus der Royal Music Library, haben wir uns gedacht, dass es nützlich sein könnte, eine aktualisierte Liste aller digitalisierten Musikmanuskripte, die jetzt online verfügbar sind, bereitzustellen, die Sie über diesen Link herunterladen können: Download British-library-digitised-music-manuscripts-online September 2021

Im Laufe der Jahre haben wir hochkarätige Schätze digitalisiert, wie z.B. Musikmanuskripte aus der Stefan Zweig-Collection, 97 Bände mit Händel-Autographen und viele von anderen berühmten Komponisten, wie Mozart, Beethoven und Bach. Es gibt aber auch viele andere frühe Quellen mit instrumentaler und vokaler Musik zu entdecken, digitalisiert entweder im Rahmen eines Forschungsprojektes oder aus Gründen der Erhaltung. Dazu gehören einige Schlüsselwerke für Tasteninstrumente des 16. und 17. Jahrhunderts, wie beispielsweise das Mulliner book (Add MS 30513), das ‘Cosyn’ (R.M.23.l.4) und ‘Forster’ (R.M.24.d.3) Virginal-Book, sowie das von Elizabeth Rogers (Add MS 10337).

Bild oben: Das Inhaltsverzeichnis des Virginal-Books von Elizabeth Rogers, datiert vom 27. Februar 1656. British Library, Add MS 10337, f. 1v.

Zu den jüngsten Bildern, die auf “Digitised Manuscripts” veröffentlicht wurden, gehören eine Reihe von Gesangsstimmbüchern, die Teil des Tudor Partbooks-Projekts sind. Neben diesen sechs Stimmbüchern (Royal Appendix MS 12-16; Royal Appendix MS 17-22; Royal Appendix MS 23-25; Royal Appendix MS 26-30; Royal Appendix MS 31-35 und Royal Appendix MS 49-54) gibt es weitere aus dieser Zeit, z.B. solche, die durch die Namen der früheren Besitzer bekannt sind: ‘Hamond’ (Add MS 30480-4), ‘Gyffard’ (Add MS 17802-5) und ‘Lumley’ (Royal Appendix MS 74-76). Bilder und ausführlichere Informationen dazu finden Sie auch auf der Website DIAMM website (Digital Image Archive of Medieval Music).

Der letztgenannte Vorbesitzer, John (Lord) Lumley (ca. 1533-1609), war außerdem im Besitz der sechs Stimmbücher, die nun online verfügbar sind, wie man anhand der Besitzvermerke erkennen kann.

Besitzvermerk von Lord Lumley in Royal Appendix MS 13, f. iv-r

Lumley ist heute vielleicht am besten für seine gewaltige Büchersammlung bekannt, die zu dieser Zeit die größte Privatbibliothek Englands war. Ein großer Teil davon stammt aus der Sammlung seines Schwiegervaters, Henry Fitzalan, 12th Earl of Arundel. Der Earl of Arundel war während eines Großteils der Tudorzeit eine prominente katholische Persönlichkeit in England. Er bekleidete einflussreiche Positionen an den Höfen von Henry VIII., Edward VI., Mary I. und zeitweise auch von Elizabeth I. Seine Sammlung enthielt einige bemerkenswerte Musikmanuskripte und Veröffentlichungen, darunter ihm gewidmete Werke und Stücke, die er auf seinen Reisen durch das europäische Festland gesammelt hatte. Überliefert sind auch Berichte über das Musizieren im Nonsuch Palace in Surrey, die von Mary I. an den Earl of Arundel verkauft worden war. Üppige Hofvergnügungen sind die am lebhaftesten beschriebenen Ereignisse, aber in der Kapelle des Palastes wird regelmäßiger musiziert worden sein, vielleicht unter Verwendung der oben beschriebenen Stimmbücher.

Cantus-Stimme des ‘Christus factus est’ aus einem Stimmbuch-Set, das dem flämischen Komponisten Derick Gerarde zugeschrieben wird. Royal Appendix MS 31, f. 1r

Einige dieser Stimmbücher sind besonders interessant, weil sie Repertoire aus einer besonders turbulenten Zeit des religiösen Wandels bewahren. Royal Appendix MS 12-16, enthält beispielsweise mehrstimmige liturgische Musik aus dem vorreformatorischen England, während die Royal Appendix MS 74-76 (die “Lumley”-Stimmbücher) zu den frühesten Quellen für Kirchenmusik der Reformation selbst gehören. Aus verschiedenen Gründen - sei es absichtliche Zerstörung oder vermeintliche Veralterung - haben nur relativ wenige vergleichbare Exemplare überlebt. Die “Lumley”-Stimmbücher zeigen uns einen Grund, warum manche Dinge auch dann noch aufbewahrt wurden, als ihre ursprüngliche Verwendung überholt war: Irgendwann wurden die Bücher mit geistlicher Musik als Instrumentalstimmen für weltliche Stücke umfunktioniert.

Instrumentalstimmen für eine ‘Allemand d’amour’, auf der Rückseite eines Stimmbuchs. Royal Appendix MS 74, f. 44r.

Nach dem Tod von Lord Lumley im Jahr 1609 gelangte seine Sammlung in die königliche Bibliothek (siehe http://www.bl.uk/catalogues/illuminatedmanuscripts/TourRoyalStuart.asp für weitere Informationen), die schließlich in die Sammlungen des Britischen Museums aufgenommen wurde, als sie 1757 von George II. der Nation geschenkt wurde. Es ist vielleicht erwähnenswert, dass es sich bei dieser königlichen Bibliothek um eine andere handelt als die königliche Musikbibliothek, die 1957 dem Britischen Museum übergeben wurde, nachdem sie zuvor mehrere Jahrzehnte lang ausgeliehen worden war. (siehe https://www.bl.uk/collection-guides/royal-music-library für weitere Informationen).

Unter den anderen digitalisierten Materialien, die kürzlich veröffentlicht wurden, befinden sich auch verschiedene Abhandlungen, darunter einige aus der Sammlung von John Hawkins (Add MS 4920; Add MS 4922); mehr Musik-Quellen aus dem 16. und 17. Jahrhundert - darunter Musik für Tasteninstrumente von Frescobaldi (Add MS 40080), für Laute arrangierte Melodien und Tänze (Egerton MS 2046); Musik für Violine und Bass von William Lawes (Add MS 17798) und, ein Buch mit instrumentalen Fantasien von Giovanni Coperario/John Cooper, “music master” für die Kinder von James I. (Add MS 23779).

Nachweise:
Charles W. Warren: ‘The Music of Royal Appendix 12-16’, Music & Letters, vol. 51, no. 4 (October 1970), pp. 357-372.

Charles W. Warren: ‘Music at Nonesuch’, The Musical Quarterly, vol. 54, no. 1 (January 1968), pp. 47-57.

Judith Blezzard: ‘The Lumley Books: A Collection of Tudor Church Music’, The Musical Times, vol.112, no. 1536 (February 1971), pp. 128-130.

John Milsom: ‘The Nonsuch Music Library’ in Sundry Sorts of Music Books: Essays on the British Library Collections Presented to O. W. Neighbour on his 70th Birthday, edited by Chris Banks, Arthur Searle, and Malcolm Turner (London: The British Library, 1993), pp. 146-82.

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Kategorie: Bibliotheksbestände


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