Komponistennetzwerke in RISM B/I-Sammeldrucken
Gabriele Taschetti and Daniel Zilio (University of Padua)
Thursday, October 8, 2026
Der folgende Text stellt eine kurze Zusammenfassung des Vortrags „The Early Modern Music Club. A Social Network Analysis of RISM B/I Anthologies‟ dar, der während der diesjährigen MedRen-Konferenz (Warschau, 6.–10. Juli 2026) gehalten wurde. Die Autoren möchten den Organisatoren der Konferenz für eine geschickt zusammengestellte, gut moderierte und anregende Veranstaltung, einschließlich einer lebhaften Fragerunde, sowie dem RISM Editorial Network für das Interesse an ihrer Arbeit danken.
Die Geschichte des Musikdrucks beginnt üblicherweise mit einer Anthologie. Seit Petruccis erster Veröffentlichung im Jahr 1501 (RISM Online | RISM Catalog) stellte die Anthologie – ein einzelner Band, der Kompositionen von mehreren Komponisten enthält – bis ca. 1550 das vorherrschende Format für die Publikation von gedruckter Polyphonie dar und nahm auch während der folgenden eineinhalb Jahrhunderte eine bedeutende Stellung ein. Unabhängig davon, ob sie eine echte künstlerische Zusammenarbeit oder ein gemeinsames musikalisches Umfeld widerspiegeln, stellen diese Sammeldrucke historisch bedeutsame Kompilationen dar: Sie dokumentieren, welche Musikstücke jemand zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort für wert befand, gemeinsam im Druck publiziert zu werden, und sie bedingten, wie dieses Repertoire in ganz Europa verbreitet und aufgenommen wurde. Auf der MedRen 2026 haben wir die vorläufigen Ergebnisse eines Versuchs vorgestellt, diese Thematik in großem Maßstab zu betrachten, indem wir die Verflechtungen von Komponisten kartiert haben, die sich aus den gedruckten Anthologien ergeben.
Als „Ground Truth“ haben wir den von Pietro Zappalà et al. 2005 veröffentlichten Index (wie auch spätere Versionen) zu RISM B/I verwendet. Es handelt sich hierbei um ein sorgfältig erstelltes Verzeichnis der Komponistenzuordnungen für die gesamte B/I-Reihe (bekannte Nachdrucke wurden bewusst ausgenommen). Die öffentlich zugängliche API von RISM Online stellt dasselbe Material als Linked Open Data bereit, mit Angaben zu den Komponisten für die überwiegende Mehrheit der Anthologien. Wir haben die Komponistennamen und Druckausgaben in Zappalàs Verzeichnis mit den Identifikatoren und Metadaten der RISM-API verknüpft und damit eine vollständige Abdeckung von mehr als 2.000 Anthologien und 3.000 Komponisten erhalten.
Durch die Anwendung eines Algorithmus zur Erkennung von Gemeinsamkeiten, der sich einzig auf das Vorkommen von Komponisten in Sammeldrucken stützt, konnten wir sehen, wie sich das Korpus in eine Reihe verschiedener Gruppen untergliedert, von denen einige zeitgleich nebeneinander existieren und sich überschneiden. Diese Gruppen ergeben sich ausschließlich aufgrund von Mustern, die sich aus dem gemeinsamen Aufscheinen in Anthologien ableiten, und sie entsprechen weitgehend jenen Einteilungen (nach Generation, Region oder Gattung), die in der Musikwissenschaft bereits mit anderen Vorgehensweisen ermittelt worden waren. Diese Übereinstimmung ist ein ermutigendes Anzeichen dafür, dass Daten, die sich auf das gemeinsame Vorkommen von Komponisten in Druckpublikationen beziehen, aussagekräftige Rückschlüsse darüber zulassen, wie dieses Repertoire zusammengestellt und verbreitet wurde.
Innerhalb dieser modularen Struktur konnten Komponisten unterschiedliche Positionen vertreten. So stellen z. B. Claude de Sermisy und Pierre Certon Schlüsselfiguren in Bezug auf das Chansonrepertoire um die Mitte des Jahrhunderts dar, scheinen aber sonst kaum auf. Mit Orlando di Lasso verhält es sich umgekehrt: Er bewegt sich zwischen mehreren Gruppen – unter anderem in Rom und im deutschsprachigen Raum – und nimmt den ersten Platz in der Betweenness-Zentralität ein, ohne sich jemals irgendwo zu einem zentralen Knotenpunkt zu entwickeln. Im Vergleich dazu bleibt Giovanni Pierluigi da Palestrina, eine ähnlich symbolträchtige Figur der Musikgeschichte (und Musikgeschichtsschreibung) der Renaissance, weitgehend auf eine einzige Gemeinschaft beschränkt, nämlich in Rom, wo er in Bezug auf Zentralität hinter Luca Marenzio, Giovanni Maria Nanino und Ruggiero Giovannelli rangiert. In den beiden ersten Jahrhunderten vereinte kein Komponist beide Positionen – die eines lokalen Knotenpunkts und die des gruppenübergreifenden Konnektors.
Die Daten ermöglichen es uns, die häufigsten Kombinationen zu identifizieren: Clemens non Papa und Thomas Crequillon, Pierre Certon und Claude de Sermisy sowie Jacob Arcadelt und Certon. Aber auch wiederkehrende Gruppen wurden ebenso sichtbar: Eine kleine Zahl von Komponisten ist gemeinsam in zahlreichen Sammeldrucken vertreten. Dabei erweisen sich die am häufigsten auftretenden Dreierkombinationen jeweils als Teilmenge einer einzigen großen Gruppe – Felice Anerio, Giovannelli, Marenzio, Nanino und Palestrina –, die in einer großen Zahl von Anthologien aufscheint.
Ein weiterer Aspekt betrifft „lokale“ Anthologien: Sammlungen, deren Komponisten nirgendwo sonst im gesamten Korpus auftauchen. In diese Kategorie fallen etliche Anthologien, wie etwa die XX Songs (London, 1530) (RISM Online | RISM Catalog) aus der frühen Tudorzeit und der Sammeldruck Las ensaladas (Prag, 1581) (RISM Online | RISM Catalog).
Daten, die über die API angereichert worden waren – beispielsweise Druckorte oder Lebensdaten von Komponisten –, ermöglichten einen Vergleich zwischen Ausgaben, die zu Lebzeiten des Komponisten herauskamen, und solchen, die posthum erschienen. Bei den meisten der bedeutenden Komponisten verlagerte sich nach ihrem Tod die Präsenz in Anthologien überwiegend in den deutschsprachigen Raum. Bemerkenswerterweise tauchten Namen wie Lasso, Palestrina, Philipp de Monte und Marenzio ausschließlich zu ihren Lebzeiten in englischen Sammeldrucken auf, was auf eine unterschiedliche Haltung des deutschen und des englischen Marktes in Bezug auf das zeitgenössische Repertoire hinweist.
Die gedruckte Anthologie könnte sich als einer der am besten geeigneten Ansatzpunkte für eine groß angelegte, datengestützte Geschichte der Musik der Frühen Neuzeit erweisen. Diese Herangehensweise befindet sich noch in der Entwicklung. Im Moment prüfen wir, wie weit ein Verfahren, das sich vollständig auf die RISM Online-API stützt, reichen kann. Zu gegebener Zeit würden wir Ihnen gerne die vollständige Studie vorstellen.
Bild oben: Titelblatt eines Sammeldrucks: RISM B/I 158312: CANTO | LI AMOROSI ARDORI | DI DIVERSI ECCELLENTISSIMI MVSICI | Nouamente composti, & dati in luce. | LIBRO PRIMO | A CINQVE VOCI Venice, appresso Angelo Gardano, 1583; RISM-Nr. 993120720 (RISM Catalog | RISM Online). Bildrechte: Bayerische Staatsbibliothek, Sign. 4 Mus.pr. 44#Beibd.14 | Public Domain Mark Universal 1.0
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