Unbekannte Musik aus Mittel- und Südamerika im alten Notenarchiv des Mainzer Verlages B. Schott und Söhne

Steffen Voss

Thursday, February 19, 2026

Im Rahmen der von der DFG geförderten Erschließung der Noten- und Geschäftsarchive des Verlages B. Schott’s Söhne in der Bayerischen Staatsbibliothek konnte im Jahr 2025 die RISM-Katalogisierung des Alten Notenarchivs unter Mithilfe der Münchener RISM-Arbeitsstelle abgeschlossen werden. Dieser abgesonderte Bestandteil des Notenarchivs, auch als „historisches Archiv“ bezeichnet, setzt sich aus ca. 4 000 Einzelwerken in Form von Musikhandschriften, Druckausgaben (zum Teil in Mehrfachexemplaren), Textbüchern, theoretischen und didaktischen Werken sowie dokumentarischem Material zusammen, wobei die Epoche vom späten 18. (also der Gründungszeit des Verlages) bis zum Ende des 20. Jahrhunderts abgedeckt wird. Bei den handschriftlich überlieferten Werken (dem weitaus größten Teil des Archivs) handelt es sich vor allem um von Komponisten eingereichte Werke, deren Drucklegung vom Verlag abgelehnt oder „auf Eis gelegt“ wurde (hierzu finden sich häufig interessante und aufschlussreiche Informationen in der Verlagskorrespondenz, die im Geschäftsarchiv überliefert ist). Andererseits finden sich hier jedoch auch Werke, die Schott in Kommission für fremde Musikalienhändler, Verleger oder Privatpersonen drucken ließ, die somit nicht zum eigentlichen Verlags-Repertoire gehörten. Dabei fällt die große geographische internationale Streuung der Auftraggeber auf. Schott druckte nicht nur im Auftrag europäischer Kunden aus Ländern wie den Niederlanden, Spanien, der Schweiz, Polen, Litauen, Rumänien, Russland und dem Osmanischen Reich, sondern hatte auch Auftraggeber im ibero-amerikanischen Raum. Das Verlagsarchiv beherbergt verschiedene Werke südamerikanischer Komponisten, häufig in autographer Überlieferung, die als Druckvorlagen für diese Kommissionen dienten. Dies erkennt man an den mit Bleistift eingetragenen Anweisungen für den Notenstecher, in denen das Layout der Ausgaben vorgeschrieben wurden, sowie an den handschriftlichen Angaben zur Auflagenstärke und zur Gestaltung des Titelblattes.

Zu den wichtigen südamerikanischen Partnern des Schott-Verlages gehörte der Musikalienhändler und Verleger Manoel José da Costa e Silva aus Belém, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Parà. Zahlreiche Originalausgaben dieses Verlages vom Ende des 19. Jahrhunderts sind im Nachlass „Fundo Vicente Salles“ in der Bibliothek des Museums der Universität des Bundesstaates Parà erhalten. Zu einigen dieser Editionen liegen nun die handschriftlichen Druckvorlagen im Bestand des Alten Schott-Archives vor, darunter der aus Deutschland stammende Alfred Baer (1853-1886), der Italiener Enrico Bernardi (1838-1900), sowie die Brasilianer Henrique Eulálio Gurjão (1834-1885), Vicente Ruiz (1845-1892), Jerônimo de Sousa Queirós (1857-1936), Roberto de Barros (1861-1926) und Julia Cesarina Cordeiro (1867-1947). Von besonderem Interesse ist die vollständige Klavierbearbeitung Enrico Bernardis von Gurjãos italienischer Oper Idalia von 1881 (D-Mbs Mus.Schott.As 571, RISM ID Nr. 1001285919 - RISM Catalog | RISM Online).

Eine weitere interessante Kooperation unterhielt der Schott-Verlag mit dem chilenischen Verlag E. Niemeyer & Inghirami (Valparaìso), der auch eine Vertretung in Perus Hauptstadt Lima unterhielt. Niemeyer & Inghirami besaß eine Niederlassung in Hamburg, wo bekanntlich regelmäßig Handelsschiffe aus Südamerika einliefen. Über diesen Weg gelangten die Autographe von 5 Werken des Komponisten Claudio Rebagliati (1843-1909) nach Mainz, wie eine Bleistiftnotiz auf der Handschrift Mus.Schott.As 3085 (Il Carnevale di Venezia) belegt. Rebagliati war in Italien als Sohn eines Kapellmeisters geboren. Mit 14 Jahren reiste er mit seinem Vater und seinen ebenfalls als Musiker wirkenden Brüdern nach Südamerika, zunächst nach Chile, ab 1863 lebte er in Lima. Drei der fünf eingesandten Werke erschienen letztendlich bei dem Mailänder Verlag Sonzogno im Druck; warum die Handschriften auch an Schott geschickt wurden, ist nicht mehr eindeutig zu erklären. Unikate stellen dagegen zwei Kompositionen für Koloratursopran und Klavier dar. Der Konzertwalzer op. 11 Il suo sguardo (D-Mbs Mus.Schott.As 3087, RISM ID Nr. 1001319124 - RISM Catalog| RISM Online) ist der jungen Sopranistin Teresa Ferreyra gewidmet, die später als bekannte Gesangspädagogin am Konservatorium von Lima wirkte. Von den virtuosen Variationen über den Karneval von Venedig op. 15 (D-Mbs Mus.Schott.As 3085, RISM ID Nr. 1001319082 - RISM Catalog | RISM Online), für die ebenfalls keine Druckausgabe nachgewiesen werden kann, wissen wir aus Zeitungsberichten, dass sie 1881 von der Sopranistin Elvira Trepetto-Risolini als Einlage (in der berühmten „Gesangsunterricht-Szene“) in Rossinis Barbier von Sevilla an der Wiener Hofoper gesungen wurde. Das Werk muss also auf irgendeine Weise den Weg zurück über den Atlantik ins alte Europa gefunden haben.

Abbildung: D-Mbs, Mus.Schott.As 571: Henrique Eulálio Gurjão, Oper “Idalia”, Klavierbearbeitung von E. Bernardi, Beginn des ersten Aktes

Share Tweet Email

Kategorie: Bibliotheksbestände


Durchsuchen Sie das Nachrichtenarchiv nach Kategorien oder verwenden Sie das Suchfeld.

Kategorien

Beliebte Beiträge

- “L’Amant Anonyme” von Joseph Bologne
- Werke, die 2023 gemeinfrei werden
- Scott Joplin und die Weltausstellung - Wiedereröffnung Wiener Staatsoper 1955
- Elizaveta, Elisabeth und Elizabeth

Ausgewählte Beiträge

- Ein Wort über RISM
- Chopin-Erbe im Open Access
- Sarah Levy
- Entdeckung von Vivaldi-Quellen
- Unikate suchen in RISM

Teilen Sie Ihre Neuigkeiten mit RISM

Teilen Sie Ihre Neuigkeiten mit RISM und erreichen Sie eine internationale Gemeinschaft von Wissenschaftlern, Musikern, Bibliothekaren und Archivaren. Mehr Informationen finden Sie hier.

Copyright

Sofern kein Autor namentlich genannt ist (bitte achten Sie darauf, ob ein Ansprechpartner genannt ist), wird die Wiederverwendung einer RISM Nachricht unter dem Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International License erlaubt. In allen anderen Fällen, wenden Sie sich bitte an den Autor.

CC_license