Wolfgang Frühauf, Dresden

Musikhandschriften erschließen und erhalten

Die deutsche Arbeitsgruppe fördert die Erhaltung von Quellen

Meine Damen und Herren,

heute spreche ich nicht über die Katalogisierung vom Musik-Handschriften, sondern referiere über deren Erhaltung und Bewahrung. Das scheint mir geboten, weil nicht wenige Musikquellen, die wir für den Musik-Betrieb erschließen, geschädigt und daher gefährdet sind. Für RISM macht es aber wenig Sinn, Musik-Handschriften zu katalogisieren, die ihrer Schäden wegen langfristig gesehen unbenutzbar oder gar zerstört sein werden.

Unsere RISM-Mitarbeiter sind jene Musikwissenschaftler in Deutschland, welche über Jahrzehnte die größte Menge von Musik-Handschriften bearbeiten. Deshalb kommt ihnen eine gewisse Mit-Verantwortung für die Erhaltung und Bewahrung dieser Kulturschätze zu. Was wären unsere überwiegend promovierten RISM-Mitarbeiter für Handschriften-Experten, wenn sie zwar gute Katalogisate herstellten, aber die Schäden an den Handschriften nicht zur Kenntnis nähmen und unkundige Eigentümer bei Schäden und Gefahren nicht alarmierten.

Deshalb behaupte ich: zum Profil eines Handschriften-Experten gehören auch Kenntnisse

  1. über die Natur, über das Material der von ihnen bearbeiteten Handschriften,
  2. über Gefahren für diese und Erkennen von Schadensbildern,
  3. über Methoden der Erhaltung von Handschriften.

Des Weiteren gehört zum Tätigkeitsfeld eines Handschriften-Experten das verbale Einflussnehmen auf die Erhaltung gefährdeter Quellen, also auf die Bewahrung ihres Arbeitsgegenstandes Handschriften.

Die sieben Mitarbeiter der deutschen Arbeitsgruppe fertigen jährlich ca. 10.000 Titelaufnahmen an und müssen dazu ca. 5.000 Musik-Handschriften in ihre Hände nehmen. Die meisten Notenblätter davon wirkenrobust und unverwüstlich. Die überwiegend dunkelbraune Noten-Schrift steht oft wie eine schöne Grafik auf beige-farbigem Papier. Die Blätter sind oft so schön, dass man sie rahmen und an die Wand hängen möchte.

Mit ihrem geschulten Auge und manchmal auch mit ihrer qualifizierten Nase aber bemerken unsere RISM-Mitarbeiter, dass nicht wenige dieser gut aussehenden Musikalien geschädigt sind, dass sie Gefahr laufen, langfristig zerstört zu werden.

Hier setzt unsere RISM-Verantwortung für die Erhaltung der Handschriften ein:

Da die Eigentümer kleiner Handschriften-Sammlungen diese Gefahren oft nicht erkennen, unterlassen sie notwendige Gegenmaßnahmen. Unsere RISM-Mitarbeiter sind deshalb aufgefordert, auf Gefahren und Schäden zu achten sowie auf notwendige Konservierungen hinzuweisen. Bei massivem Gefahren-Potential soll der Befund den Sammlungs-Verantwortlichen schriftlich mitgeteilt werden.

Unsere RISM-Mitarbeiter bleiben Musikwissenschaftler und sind keine Restauratoren! Jedoch kennen sie durch ihren langjährigen Umgang mit den Handschriften deren typische Schäden. Sie wissen von den Schaden-Ursachen und auch die Möglichkeiten der Behebung. Dennoch wurden unsere Mitarbeiter in einem Workshop „Preservation and Conservation of manuscripts” zu diesen Fragen von einem Fachmann weitergebildet.

Des Weiteren werden unsere Mitarbeiter durch eine Bestandserhaltung-Broschüre unterstützt, welche die RISM-Arbeitsgruppe Deutschland herausgegeben hat. Diese Handreichung wird in Bälde in deutscher wie in englischer Sprache auf der Website der RISM-Zentralredaktion publiziert werden. 500 Exemplare der Broschüre hat RISM Deutschland an Musikbibliotheken, Kantoreien, Musiksammlungen kostenlos verteilt – als Leitfaden für die präventive und konservatorische Betreuung von Musiksammlungen.

Normen für Preservation

Werden von unseren Mitarbeitern Gefahren für die Handschriften (vor Ort) erkannt, sollen die Sammlungsleiter über diese wie über die Normative für eine sichere Bewahrung von Sammelgut informiert werden.

Solche Normative sind:

  1. geordnete Aufstellung des Sammelguts
  2. optimales Klima in den Depots, also +18 bis +20°C Raumtemperatur und 45% bis 55% relative Luftfeuchte
  3. Vermeiden von Licht- und Staubeinfall
  4. Bewahren ungebundener Handschriften in säurefreien Mappen.

Einige typische Schäden an Handschriften aus der Zeit 1600 bis 1830

Das Papier wurde bis 1865 in Manufakturen mit reinem Flusswasser hergestellt und weist daher alkalischen Charakter auf, wodurch solches Papier alterungsbeständig ist, dieses Hadernpapier kann also 800 und mehr Jahre alt werden. Gefahren für die Handschriften gehen meist von der darauf geschriebenen Tinte aus. Säure in der trockenen Tinte in Verbindung mit feucht-warmer Luft zerstört allmählich das beschriebene Papier. Die Zerstörung äußert sich im Verdunkeln der Schrift und im hellbraunen Durchschlagen der Schrift auf der Blatt-Rückseite. Jahrzehnte später wird diese Schrift schwarz und Binnenformen oder Noten fallen aus dem Notenblatt heraus.

Diese Schäden sind als Tintenfraß bekannt.

Tintenfraß

Was kann gegen den Tintenfraß unternommen werden?:

  1. Das Papier muss durch einen Restaurator entsäuert und Fehlstellen müssen ergänzt werden.
  2. Wichtig ist, dass die Handschriften künftig kühl und trocken lagern.

Schimmel-Befall

Sammelgut schimmelt bei hoher Luftfeuchte und hohen Raum-Temperaturen. Der Prozess der Zerstörung kann Jahre, aber auch nur Wochen und Monate dauern.

Wie sieht das Schadensbild aus?

  • Am häufigsten tritt der bekannte Schimmel-Flor auf.
  • Weniger bekannt und gelegentlich anzutreffen sind enzymatische Verfärbungen und manchmal Fehlstellen im Papier.

Wie wird gegen Schimmel vorgegangen?

  1. Der Schimmel-Flor wir ab- bzw. ausgebürstet;
  2. die verschimmelte Handschrift wird bestrahlt oder begast;
  3. wichtig ist: Handschrift kühl und trocken aufbewahren.

Säure-Wanderung

In kleinen Sammlungen sind Musik-Handschriften manchmal nur zusammengeschnürt und in Regalen abgelegt. Anderswo sind lose Handschriften in Mappen oder in Kartons gepackt, was günstiger ist. Aber: solches Bewahren birgt Gefahren, wenn die Schutzbehältnisse aus säurehaltigem Karton bestehen. Karton und Pappen aus der Zeit vor 1990 sind oft säurehaltig. Die Säure in der Pappe wandert im Laufe von zwei bis drei Jahrzehnten in die Handschriften-Blätter und verursacht dort ein allmähliches Verbräunen und Verspröden des Papiers.

Da hilft nur eins:

Die Handschriften müssen in säurefreie Mappen umgebettet werden.

Tierfraß

Tierfraß an Handschriften ist meist alt und erfolgte vor vielen Jahren; dennoch kann der Fraß durch Holzwurm und Silberfischchen heute nicht ausgeschlossen werden. Er kommt vor allem dann vor, wenn das Sammelgut zu warm und zu feucht lagert.

Das Schadensbild:

Löscher und Gänge sind im Papier durch Holzwürmer eingefressen; flächige Fehlstellen an Blatt-Rändern durch Fischchen.

Gegenmaßnahmen sind:

  • Handschriften kühl und trocken lagern.
  • Begasen frisch vom Holzwurm befallener Handschriften.
  • Fehlstellen-Ergänzung durch Restauratoren.

Schlussbemerkung

Das sind typische Schäden an Musik- Handschriften des 17. Jahrhunderts bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Ab 1870 kommt Papier in Gebrauch, das industriell gefertigt ist und andere Schadensbilder aufweist und anderer Erhaltungsmaßnahmen bedarf.

Ich habe erläutert, wie RISM Deutschland sich die Unterstützung vorstellt, die unsere RISM- Mitarbeiter jenen Handschriften-Sammlungen geben, welchen Gefahren oder Schäden drohen. Dabei wird nicht vergessen, dass unsere RISM-Mitarbeiter keine Restauratoren sind. Jedoch verfügen sie über Elementarwissen zu Natur und Material von Handschriften, kennen Gefahren und erkennen eingetretene Schäden. Deshalb sollen sie beitragen, Schäden und Verluste an Musik- Handschriften zu vermeiden. Dazu soll auch die vorgestellte Broschüre beitragen. Ich würde mich freuen, wenn unser Bemühen auch für sie eine Anregung ist, die Erhaltung gefährdeter Handschriften zu befördern.

(Während des Vortrags wurden zur Illustration des Referierten Schadensbilder gezeigt, die in der besprochenen Bestandserhaltungsbroschüre enthalten sind.)

Verlage

Bärenreiter
Serie A/I; Serie B, Band VIII, Teil 1 & 2; Serie C
 
Henle
Serie B (mit Ausnahme von Band VIII, Teile 1 und 2))
 
DeGruyter
Serie A/II CD-ROM (beendet 2008)
 
NISC
Serie A/II (vor 2006)
 
EBSCO
Series A/II (nach 2006)
 
OLMS
Kongressbericht